BROTHERS IN ART
GUIDO & JOHANNES HÄFNER
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Bernhard Schemmel
zur Ausstellungseröffnung im Kunstverein Coburg, 29.1.05

Meine Einführung kann nur die Form einer Annäherung haben. Außerdem will ich lediglich Aspekte ansprechen; ich stelle sie unter den Oberbegriff E. T. A. Hoffmann. Eine gedruckte Würdigung liegt im Übrigen bereits von Jörg Petzel vor. Bemerkenswert auch die schöne und informative deutsch-englische Künstlermonographie vom Vorjahr mit der durchgehenden ausdrucksstarken Bebilderung.

Der ICH-Verlag besteht seit 1991, beide Brüder arbeiten seit 1995 zusammen, erst vor zwei Jahren unter dem "Label" "Brothers in Art". Unser erstes gemeinsames Projekt fing 1998 an. Es betraf den "Sandmann" E. T. A. Hoffmanns. Guido Häfner hat dazu die Figur Olimpia geschaffen. 4,50 m hoch, stand sie damals auf dem Bamberger Domplatz. Ich habe Ihnen die (neue) handliche Schreibtisch-Ausfertigung (60 cm hoch) mitgebracht.

Der Kopf ist ganz als Bildschirm gestaltet. Man könnte sagen, das Gesicht ist vom Bildschirm eingeschlossen, abgekapselt, eine Kommunikation zur Außenwelt gibt es nur über die Antenne. Die übrige Figur ist ganz anders und durch einen ausgeprägten Busen als weiblich-attraktiv, ja als erotisch gestaltet. Die Automate Hoffmanns war eine Konstruktion zweier Naturwissenschaftler. Sie wurde auf einer Party als Professorentochter in die Gesellschaft eingeführt. Der Held der Erzählung verliebte sich in sie, fühlte sich von ihr trotz oder gerade wegen ihrer stereotypen Antworten "Ach, ach" besonders gut verstanden, und ihr Auge erstrahlte ihm in holder Liebessehnsucht. Unter den beiden "Vätern" löste dieses Auge den Zwist aus, der zur Zerstörung und Entlarvung der vermeintlichen attraktiven Frau als leblose Puppe führte und den Helden letztendlich in den Wahnsinn und den Tod trieb.

Guido Häfners Olimpia ist nicht einfach nur die Verkörperung einer literarischen Figur. Der Künstler kristallisiert mit ihr gewissermaßen die Aussage wie bei einem Dingsymbol. Er transportiert sie in die Gegenwart. Der Bildschirm, der Computer, ist der moderne Automat schlechthin, er beherrscht alles, ohne ihn können wir nicht mehr existieren. Die heutigen Probleme der virtuellen Welten und der Kommunikation hat Hoffmann nicht voraussehen können, er ist mit dem Sandmann und seiner Krankheitsgeschichte aber von höchst beklemmender Modernität und Aktualität.

Die Erzählung gehört zu den wenigen umfangreicheren literarischen Texten, die in der Originalhandschrift Hoffmanns, und zwar in der ersten relativ flüchtigen Niederschrift in der Stiftung Berlin Museum erhalten sind. Johannes Häfner schuf in Zusammenarbeit mit verschiedenen Hoffmann-Forschern eine Faksimile-Ausgabe mit Kommentar, keine einfache Publikation im herkömmlichen Sinn, sondern ein Buchkunstwerk. In sie ging die Olimpia-Plastik ein.

Die Figur wird zitiert, aber graphisch variiert in verschiedensten Gestaltungen, mit anderen Gesten, ja mit richtig gehenden Verrenkungen, auch in mehr oder weniger ausgeprägten erotischen Anspielungen. Ein ganzer Schwarm von Figuren bevölkert in dem Faksimile und in verschiedenen Begleitpublikationen das Blatt, eine Seite der reproduzierten Handschrift oder den Erstdruck, Texte in Umschrift Häfners oder die farbig unterlegte nachträgliche Illustration Hoffmanns. Johannes Häfners löst mit raffinierten Umgestaltungen, Überschichtungen und Überblendungen die Eindeutigkeit der Figur auf, diese entzieht sich in wechselnder Umgebung der Fixierung durch den Betrachter. Die Vielschichtigkeit der literarischen Figur findet in der schöpferischen Phantasie also eigenständigen Ausdruck, führt gleichzeitig aber auch an die Grenzen menschlicher Wahrnehmung.

Die Zusammenarbeit, bei der es sich um ein ständiges produktives Geben und Nehmen handelt, begann bei den beiden Brüdern mit einer anderen Figur, dem Königskasper. Ihr gesellten sich weitere Figuren hinzu, der Hirnbirn, der Kopfrüssler, eine ganze Welt, gewissermaßen ironisch unterlegte Archetypen menschlicher Verhaltensweisen, z. B. der Absurdität allen Macht- und Prestigesstrebens beim Königskasper - die Zunge deutet ein überzogenes "Derblecken" an. Obwohl als Kunstwerke je einmalig, sind die Plastiken nicht unverändert. Mittlerweile gibt es eine (weiter abstrahierte) Olimpia; sie besteht nur noch aus Bildschirm und Beinen. Die Wirkung im öffentlichen Raum, die solche großformatigen Plastiken entfalten, ließ sich durch kleinformatigere Schöpfungen auf den privaten Bereich ausdehnen. Handwerklich solide, hat Guido Häfner ursprünglich nur mit Stahl gearbeitet. Angeregt durch Ingo Cesaro hat er aber seit 2001 zusätzlich das (Pappel-)Holz entdeckt und ebenso einfache wie komplexe, klare wie mehrdeutige Kunstwerke geschaffen. Wenn man so will, hat er zur flachen Monumentalität die voluminöse hinzugewonnen.

Der ältere Bruder Johannes arbeitet graphisch mit den Typen und ihren Mutanten. Nicht, dass er nicht konventionell zeichnen und malen könnte (es gibt dazu sowohl Beispiele aus dem unmittelbaren Lebens- und Schaffensbereich wie auch aus der Fränkischen-Schweiz-Heimat). Als EDV-Spezialist werden seine Schöpfungen aber letztlich und - wie mir scheinen will - vollgültig am Computer mit der Maus erzeugt. Die unerschöpflichen Möglichkeiten dieses Mediums erlauben durch Hineinmontieren, Unter- oder Hinterlegen zusätzlich die Verwendung von Techniken wie Linolschnitt oder Fotografie.

Johannes Häfner schafft eigene graphische Lösungen mit Charakter-Piktogrammen, stellt sie zeichnerisch oder gestalterisch in immer neue Sinnzusammenhänge. Seine Kunstwerke sind in unerhörter Kreativität als Computergraphiken nahezu endlos veränderbar und werden (trotz der einfachen Reproduzierbarkeit) als Unikat oder in Kleinstauflage gefertigt.

Vielfach kombiniert er die Computerzeichnungen reizvoll mit konventionellem Handsatz und Handpressendruck aus seiner eigenen Druckerei, z. B. bei Buchumschlägen, Plakaten usw. Es entstehen so Graphiken bzw. ganze Bildergeschichten in gewöhnlich auffallender Farbigkeit, aber auch in ein- oder mehrfarbigem Strich, Einzelblätter, Mappen oder Bücher. Johannes Häfner legt mit Recht Wert darauf, nicht Buchillustration zu schaffen, sondern Buch-Kunstwerke. Oft haben diese Bücher aufwändige Umschläge, außerdem liebt er das Leporello, ja er kann diese Form mit Textdrucken, Reproduktionen bzw. Illustrationen vermittels Ausklappungen nach oben und unten höchst ingeniös noch haptisch zu mehrdimensionalen räumlichen Objekten steigern.

E. T. A. Hoffmann bietet Johannes Häfner vielfache Inspiration, dies ganz existenziell und in einer Art Wahlverwandtschaft gemeint. Es begann, sieht man von der Musik und der Komposition eines Klavierzyklus ab, in der Auseinandersetzung mit dem Porträt Hoffmanns. Da werden historische Darstellungen am Computer verändert, etwa die bekannte Physiognomie Hoffmanns in verschiedenen Schritten getrennt und, in Überblendungen nachvollziehbar, wieder zusammen geführt, richtiggehende Vexierbilder (Ausgangspunkt ist die Aufspaltung von Hoffmanns eigenem Ich in verschiedene Gestalten, z. B. den Kapellmeister Kreisler). In einem besonderen Projekt mit bearbeiteten und bemalten Aluminiumfolien trifft E. T. A. Hoffmann sogar den Königskasper, so ähnlich wie bei dem Plakat der jetzigen Ausstellung Röschen Lämmerhirt den Kopfrüssler trifft - Sie sehen, alles ist mit allem verbunden!

Anders als bei der Olimpia war bei einem weiteren Werk Hoffmanns, dem "Meister Floh", eine Identifikationsfigur nicht möglich. Wieder war zunächst die Originalhandschrift der Ausgasngspunkt. Erhalten ist sie freilich nur als kleiner Teil, in den Verfahrensakten im Geheimen Staatsarchiv in Berlin. Es ist die 1822 von der Zensur eliminierte und erst 1906 erstmals der Öffentlichkeit zugänglich gemachte sog. Knarrpanti-Affäre. Johannes Häfner hat sie als sein zweites Hoffmann-Faksimile mit Text und Kommentar herausgebracht und dabei den Einband des Akts für den neuen Umschlag reproduziert. Eine von Hoffmann überklebte Stelle konnte im Original aufgedeckt und zusammen mit der ursprünglichen Fassung reproduziert werden. So ist es möglich, dem Autor gewissermaßen über die Schulter zu schauen. Im Gegensatz zum Sandmann schreibt Hoffmann bei dieser Druckvorlage ganz klein und regelmäßig, und der Setzer hat sich damit wahrlich schwer getan.

Der Inhalt des Märchens, von Hoffmann selbst als "phantastische Geburt eines humoristischen Schriftstellers" bezeichnet, ist einigermaßen kompliziert und erschließt sich nicht aufs erste Lesen. Die meisten Personen sind auf mehreren Ebenen angesiedelt, auf einer scheinbar wirklichen, einer historisch-fiktiven, einer mythisch-märchenhaften und oft noch einer anthropomorph-pflanzlichen. An mehreren Texten arbeitend, von schlimmer Krankheit heimgesucht und durch die amtliche Untersuchung des Falles als Verunglimpfung und Geheimnisbruch zur Rechtfertigung gezwungen, hat Hoffmann selbst - das mag uns trösten - nicht immer den letzten Durchblick bewahrt.

Guido Häfner hat verschiedene Figuren zusätzlich in Spielzeuggröße geschaffen. Sie verbreiten zumal in ihrer Farbigkeit eine der Erzählung angemessene heiter-infantile Stimmung, entbehren aber nicht der witzig-grotesken Distanzierung. Da ist, um nur diese aus dem Szenarium herauszugreifen, der weiberscheue Held Peregrinus Tyß. Er gibt imaginäre Fest- und besonders Weihnachtsschmäuse für Verstorbene (wir denken an "Dinner for one"), außerdem verteilt er die sich selbst gekauften Geschenke hinterher. Röschen Lämmerhirt, die ältere Schwester der beschenkten Buchbinderkinder, ist ein idealisiertes "Engelsbild"; sie taucht erst kurz vor dem Ende als Braut auf. Beide Figuren entsprechen sich in der formalen Gestaltung umgekehrt, haben aber noch individuelle Merkmale. Solchen Charakter-Piktogrammen oder Stereotypen, wie man sie genannt hat, entsprechen die Hoffmannschen Präexistenzen oder Doppelnaturen. Johannes Häfner lässt sie als variable Konstellationen graphisch ins Leben treten, wie die beiden in der Realität im 17. Jahrhundert verstorbenen Wissenschaftler in Hoffmanns Märchen aus der Jetztzeit.

Nur der Meister Floh selbst, aufgeklärter Herrscher über ein für den Flohzirkus missbrauchtes riesiges ingeniöses Volk, kommt im Häfnerschen Figurenarsenal nicht vor. Dabei hätten die Umschlagillustrationen nach Hoffmanns Zeichnungen Anknüpfungspunkte geboten. Johannes Häfner erklärt das damit, dass der Menschenfloh für alle außer den Helden unsichtbar ist und nur durch seine Taten in Erscheinung tritt. "Eine rein virtuelle literarische Kunstfigur lässt sich nun mal nicht in eine konkrete Figur umsetzen." Meister Floh mutiert daher bei ihm zu einem Sinnbild unserer digitalen Welten. Nach Häfner steuert er den Verlauf der Erzählung und hat daher die Funktion des Prozessors eines Computers. Bei dem sehen wir die Ergebnisse, nicht aber die Prozesse, die dazu nötig waren. Folgerichtig gibt es im Rahmen der mittlerweile umfangreichen Produktion Häfners zum Meister Floh graphisch gestaltete Prozessverläufe und Bücher zur Thematik wie "Organigramm".

Das Projekt "Meister Floh - ein multimedialer Weltenbürger" heißt multimedial deshalb, weil verschiedene Techniken, Wissenschaften und Künste beteiligt sind. Sie transformieren das literarische in ein bildnerisches Kunstwerk, ja, man muss sagen, in ein Gesamtkunstwerk: Plastiken und Graphiken, Handschriften, der Erstdruck und wissenschaftliche Erklärungen in eigenen Buchkunstwerken, Musik und Texte als Hör-CDs, usw. Der Meister Floh wird in realen und in virtuellen Räumen präsentiert, also in Ausstellungsräumen ebenso wie im Internet, auf einer eigenen Homepage. Durch diese verschiedenen Welten "wandelt" er als (unsichtbarer) "multimedialer Weltenbürger". Dies eröffnet dem Betrachter neue Sichten und Einsichten, regt zum Nachdenken und zur Kommunikation an, so die Intention des Künstlers.

Es bleibt die Frage, ob sich vieldeutige literarische Gestalten auf diese Weise angemessen verkörpern lassen. Die Piktogramme erklären sich, anders als die zuerst erwähnten Archetypen, nur eingeschränkt von selbst, sie erschließen sich adäquat erst in Kombination mit dem Text des Märchens. Die Rezeption ist ein zugleich ästhetischer und intellektueller Prozess, kein schnelles Aha-Erlebnis. Wenn man sich darauf eingelassen hat, dann ist man fasziniert von der kreativen Verwandlung und Umsetzung. Da entstehen die verschiedensten Variationen, werden die vielfältigsten Phantasien "Wirklichkeit", in unterschiedlichsten malerischen oder graphischen, modernen oder herkömmlichen Techniken. Besondere Effekte ermöglichen sich überlagernde oder überschneidende historische oder moderne Motive, die Verwendung von Transparentpapier und … und … und - der Kreativität sind in der Tat keine Grenzen gesetzt! Hoffmannsche Illustrationen oder solche von Zeitgenossen tauchen ebenso auf, wie Zitate von Orten, Gebäuden und Werken. Neuerdings werden die Bildergeschichten sogar bühnen- bzw. panoptikumsartig angeordnet.

Die Brothers in Art bringen sich also in ihren Schöpfungen mit dem eigenen künstlerischen Ingenium in selbstverständlichem Selbstbewusstsein ein (by the way: das "Ich" hat nichts mit übersteigertem Egoismus zu tun, sondern ist ein Graphem für "Johannes" Häfner). Sie schaffen sich eine eigene Welt, eine Kunstwelt natürlich. Durch Variation ist sie wieder erkennbar, sie "spielen" gewissermaßen mit ihren Motiven und Themen. Das zeigt sich die Verwendung früherer Figuren in späteren Schöpfungen; sie soll den aufmerksamen Betrachter durchaus zum Nachdenken anregen. In diesem Rezeptions-Prozess sind also die Archetypen, Stereotypen oder Piktogramme notwendig, als Folie, und sie werden - das ist zu bemerken - nicht selten mit Ironie, mit Selbstironie, zitiert.

Kunst, so Johannes Häfner, hat imaginäre Räume neu zu schaffen und sie bedient sich der Mittel der Jetztzeit. Das geschieht in dieser phantastisch wuchernden Welt, nicht zuletzt in der Computerkunst. Das untrennbare Ineinander von Realem und Fiktivem, das Hoffmannsche Werke auszeichnet, findet in dieser produktiven Auseinandersetzung und Interpretation eine angemessene moderne bildkünstlerische Entsprechung. Im Umgang mit den Originalen, seien es Texte oder Bilder, entstehen in einem kreativen symbiotischen Schaffensprozess moderne plastische, graphische und Buch-Kunstwerke, verändert durch verschiedene Medien, medial oder sogar multimedial transportiert. Daran kann das Publikum sinnlich-emotional, aber auch rational teilhaben. Die Brothers in Art vereinen konventionelle und moderne Drucktechnik, Bibliophilie und neues Informationswesen, Kunst und Wissenschaft. Darin sind sie dem romantischen Ideal einer Universalkunst verpflichtet.

Eine ganz andere, höchst eindrucksvolle Art der Vergegenwärtigung bietet das Künstlerbuch Johannes Häfners zu Hoffmanns Bergwerken zu Falun. In ihm verwendet er für eine eigene Bildgeschichte scheinbar Fotos - in Wirklichkeit hat er sich eine Plastiktüte mit einem Frauengesicht über seinen Kopf gestülpt und sich selbst damit in wechselnden Ausschnitten auf dem Scanner "abgelichtet" - eine höchst eindrucksvolle Identifikation und Verfremdung zugleich. E. T. A. Hoffmann ist natürlich nicht die einzige Inspirationsquelle und nicht der einzige Inhalt der Kunst der Brothers in Art, aber eine sehr wichtige. Ich gehe davon aus, dass der Meister Floh als multimedialer Weltenbürger, im Jahr 1999 begonnen, noch weiter wirken wird. Außerdem gibt es bereits ein neues gemeinsames Projekt mit Beständen aus der Staatsbibliothek Bamberg.

Nicht eingehen kann ich auf die Bände mit eigenen Gedichten, die Drucke mit monumental wirkendem Text und die neuen Themen Engel und Totentanz. Wie groß die Kreativität und Produktivität der beiden Künstler ist, werden Sie an der heutigen Präsentation merken. Ich bin mit Ihnen begierig, diese erstaunliche Fülle und die ganz neuen Aspekte und Themen zu entdecken.

Bernhard Schemmel,
Coburg, 29.1.2005


Prof. Dr. Bernhard Schemmel
(2. v.l.)