BROTHERS IN ART
GUIDO & JOHANNES HÄFNER
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Dieter Ungelenk - Neue Presse
Heiterer Spuk aus tiefer Seele
29.1.05

Skulpturen und Digitalgrafiken erhellen E.T.A. Hoffmanns dunkle Phantastik

Hirnbirns Stoppelkopf grüßt vom Foyerbalkon, Olimpia mit dem Bildschirm-Schädel mimt die Garderobiere - und weist uns den Weg zu ihren Anverwandten nebenan: Peregrinus mit der Teufelsfratze, Pepusch mit dem drallen Bauch, der Kopfrüssler aus dem Geschlecht der Mickey-Mäuse, der Königskasper, der uns frech die Zunge bleckt. Ein skurriles Völkchen - aus Holz gepellt, aus Stahl geschmiedet, gemalt, gescannt, gezeichnet und gedruckt - gibt sich ein Stelldichein. Maskenball im Kunstverein, Invasion aus dem Comic-Kosmos?

Gar nicht so verkehrt: Mit Rollenspiel und Maskerade, mit den Wirrungen um Sein und Schein, Wahn und Wirklichkeit hat dieses Kuriositätenkabinett einiges zu tun - und die Comic-Ästhetik hat seine Urheber nachhaltig geprägt: Johannes Häfner (Jahrgang 1961) und Guido Häfner (Jahrgang 1968), die kongenialen "Brothers in Art", die mit ihren Skulpturen, (Computer-)Grafiken, Gemälden und Künstlerbüchern das Ausstellungsjahr des Coburger Kunstvereins eröffnen.

Die kreativen Brüder aus Schlaifhausen verbindet eine künstlerische Wellenlänge, doch bestücken sie ihre im Teamwork ersonnene Bilder- und Ideenwelt auf ganz unterschiedliche Weise: Mit Kettensäge und Schweißbrenner formt Guido Häfner mächtige Skulpturen, in denen sich archaische Kraft mit piktogrammhafter Stilisierung und comicgespeisten Witz verbindet. "Kunst des Moments" schafft er mit schwerem Gerät, Nachbearbeitung etwa mit dem Spatel versagt er sich, auch wenn ein Schnitt daneben geht - "das Material verzeiht mir Fehler nicht" weiß Guido Häfner - und gerade das reizt ihn daran.

Skizzenhaft oder als miniaturisiertes Abbild tummeln sich seine teils überlebensgroßen Gestalten variantenreich auch in den Bilder und digitalen Grafiken Johannes Häfners, des computerbegeisterten Fabulierers. Auf bizarr-verschmitzte Weise öffnen seine Collagen das Tor zu visionären Welten.

Zwei dieser Universen rücken die Häfners in den Blickpunkt ihrer Coburger Schau: die Sphäre der Engel, in die sie sich für ein Projekt mit dem Kronacher Literaten Ingo Cesaro emporschwangen - und die phantastische (Alb-)Traumwelt des E.T.A. Hoffmann. Den gespenstischen Dichtungen des Universalisten aus Königsberg (der von 1808 bis 1813 als Kapellmeister und Kulissenmaler in Bamberg lebte), sind sie entsprungen: Peregrinus Tyß (aus dem Märchen "Meister Floh", die Olimpia aus dem "Sandmann", Kopfrüssler und Hirnbirn, Röschen und all die anderen Fabelwesen.

Aufmüpfige Ruhestörer im Kulturbetrieb

Doch wehe, wenn sie losgelassen: Den dunklen Abgründen Hoffmannscher Phantastik entronnen, entfalten sie ein munteres Eigenleben, spuken mit koboldigem Temperament umher und vergnügen den Betrachter mit aufmüpfigem Strichmännchen-Charme und groteskem Witz. Mit Fotos, Zeichnungen und Handschriften beziehungsreich collagiert geistern sie als kunterbunte Ruhestörer durchs Theater, bringen Tumult in Hoffmanns gute Stube, sprengen museale Andacht und stören den Kulturbetriebsfrieden. Hübsch subversiv wirkt diese Schar - und wild entschlossen, die Domestizierung des Dämonischen nach Kräften zu vereiteln, die Mysterien der menschlichen Seele jedoch zugleich mit einem ironischen Augenzwinkern zu betrachten.

Verwandtschaftliche Beziehungen verbinden die hoffmannesken Geister mit den geflügelten Helden der zweiten ausgestellten Werkgruppe, den Engeln, die so gar keine ätherische Aura umwölkt. Unverkennbar die Häfnerische Handschrift, der popartige Einschlag, der die Himmelsboten irdisch erdet und sie mittenhinein wirft ins pralle Menschenleben, teils visuell verwoben mit Cesaros Engelsgedichten.
Mit ihrer Coburg-Ausstellung starten die Häfner-Brüder in ein ereignis- und reisereiches Jahr: Unter anderen stehen Taiwan und Seoul auf dem Ausstellungskalender. Wenn sie im kommenden Jahr einer Einladung nach Dubai folgen, müssen allerdings der "Königskasper" und manch andere Skulptur zu Hause bleiben - aus sittlichen Gründen. Johannes Häfner bringt´s in bestem Fränkisch auf den Punkt: "Zipferla geht da nicht".

>> Zeitungsartikel der Besprechung