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Johannes Häfner
Digitale Künstlergrafik - was ist das?
 
Erschienen in der Zeitschrift für Buchkunst und Bibliophilie - Marginalien, Harrassowitz Verlag, 2005
 

Die Aufgabe des nachfolgenden Textes soll sein, das Wirrwarr der Begrifflichkeiten aufzulösen neu zu ordnen, diese neue grafische Kunst vorzustellen und beispielhaft zu erläutern - und den Grafiksammler zu ermutigen, für diese druckgrafischen Werke mehr Vertrauen und Interesse zu investieren als bisher.

Computerkunst, Computergrafik, Digital Art
sind nur einige Begriffe, die dafür gebraucht werden, um mittels einer EDV-Anlage Bilder und Grafiken zu erzeugen. Während sich im Bereich des Siebdrucks Serigrafie für den künstlerischen Siebdruck etabliert hat, gibt es im Bereich der digitalen Bildschöpfung keine klare Begriffsregelung.

Die Bezeichnung Neue Medien hat sich mittlerweile als übergeordneter Begriff für künstlerisch digitales Gestalten durchgesetzt. Darunter fallen alle kreativen Leistungen, die mit Hilfe von Computer-Hard- und Software entstehen - so z.B. Grafiken, Fotografien, Musikkompositionen oder Filme.

Eine genaue Abgrenzung zwischen Computerkunst, Computergrafik, Digitalart ist unmöglich.
Auch das Verbreitungs-Medium bleibt unbestimmt. So kann die Arbeit auf Papier gedruckt oder belichtet sein, kann aber auch wie im Falle einer Computeranimation, auf DVD oder einem anderen Massenspeichermedium gespeichert sein.

Die verschiedenen Begriffe geben lediglich darüber Auskunft, dass die Arbeiten nicht unter ausschließlich analogen Bedingungen, sondern mit Hilfe von digitalen Gerätschaften entstanden sind - oder ganz allgemein ausgedrückt: Alles was mit digitalen Eingabegeräten
(z.B. Scanner, Fotogeräte) und bzw. oder Ausgabegeräten (z.B. Plotter, Laserdrucker) behandelt wurde, kann als Computerkunst, Computergrafik - und noch umfassender - als Digital Art bezeichnet werden. Dabei ist es unerheblich, ob es sich um eine limitierte genuine Künstlerarbeit, einem Poster in Massenauflage, einer Werbemitteilung oder einer Internet-Applikation handelt.

Nicht ausbleiben konnte es, dass sich aufgrund der vielfältigen Ausdrucksformen, die die digitalen Gerätschaften boten, auch Künstler diesen Bereich für sich zu entdecken begannen. So entwickelte sich seit ca. 1980 eine lebendige Szene, die sich in den unterschiedlichsten künstlerischen Bereichen artikulierte. So etwa in der bildenden Kunst die Copy Art, Mail Art, WEB-Art, (digitale) Mixed Media, digitale Künstlergrafik; in der Musik die Technokunst; im Multimediabereich die Hypermedia-Art; und in der Filmkunst die digitalen Videoclips und Animationen.


Digitale Künstlergrafik
Aus Platzgründen werde ich mich im Folgenden ausschließlich auf die digitale Künstlergrafik und ihre vielfältigen Ausdrucksmöglichkeiten näher eingehen.

Wie auch traditionell hergestellte Künstlergrafiken
(z.B. Radierung, Lithografie, Serigrafie) ist auch hier die Bezeichnung Künstlergrafik von den gleichen Qualitätsmerkmalen abhängig - nämlich der der künstlerischen Leistung.
Ohne dabei näher auf die z.T. unsäglich geführten Diskussionen "wann ist eine Grafik eine Original-Grafik?" eingehen zu wollen, gefällt mir die Formulierung von Erich Bauer1 sehr gut: "(...) Eine Original-Grafik ist als solche erkennbar, wenn die künstlerische Gestaltung des Bildes mit der Technik eines bestimmten Druckverfahrens untrennbar verbunden ist. In diesem Falle ist vom Künstler die Darstellung für eben dieses Druckverfahren geplant, in dem entsprechenden Material gearbeitet und wird erst im Druck voll sichtbar. Eine solche Grafik würde auch sinnvoll sein, wenn die Möglichkeit der Vervielfältigung nach dem ersten Abzug nicht bestünde. Das Gegenteil ist bei einer Reproduktion der Fall. Sie hat keinen eigenen spezifischen Reiz und imitiert daher den Reiz einer anderen Technik, nämlich jener des Originals. Die Spuren künstlerischer Entfaltung sind daher nur indirekt, und der einzige Sinn liegt in der Vervielfältigung".

Mal abgesehen davon, dass das zu bearbeitende "Material" durch "virtuelles Material" (das am Bildschirm bearbeitet wird) zu erweitern wäre, trifft die Beschreibung sehr genau auch auf eine digitale Künstlergrafik zu. Entscheidend dabei ist, dass ein Künstler es eigenhändig von der Idee bis zur fertigen Realisation geschaffen hat.

Denn allzu vielen Künstlern genügt es offensichtlich, die fertige Bildschirmgrafik - ohne davon einen eigenen Kontrollabzug anzufertigen - als Druckdatei abzuspeichern und sie anschließend von einem Digitalprint-Studio ausplotten oder ausbelichten zu lassen und fertig ist die Grafik bzw. das Foto.
Wenn es so einfach wäre - ist es aber nicht. Der Unterschied zwischen dem, was auf dem Bildschirm zu sehen ist und dem Papierabzug ist oft beträchtlich. Dafür gibt es eine ganze Reihe von Ursachen/Gründen - einige davon sind:

- Die zu bearbeitende Nutzfläche des Bildschirms besitzt gewöhnlich nicht mehr als max. 20 x 30 cm - d.h. der Künstler ist bei größeren Grafiken gezwungen, das Abbild ein und aus zu zoomen und zu scrollen - die Grafik ist somit erst auf dem Abzug in Originalgröße als gesamte Grafik zu betrachten und zu beurteilen.

- Die Farbdarstellung des Bildschirms ist nicht identisch mit dem Farbraum des Ausgabegerätes (digitale Druckmaschine).

- Druckschärfe, Leuchtkraft und Helligkeit des Abzugs hängen stark vom verwendeten Papier und von der Auflösungsdichte der Grafik ab. Erst nach einem Probedruck kann die Grafik auf Richtigkeit beurteilt werden und gegebenenfalls weitere Korrekturen vorgenommen werden. Dies wiederholt sich so oft wie notwendig; erst dann kann die vollständige Auflage gedruckt werden.

Um eine Digitale Künstlergrafik entstehen zu lassen, genügt es natürlich nicht, allein fundierte Kenntnisse über Technik und Handwerk zu besitzen, sondern viel wichtiger ist die Gestaltung, die Idee und die Vision, die hinter der Kunst erkennbar sein muss und die dann auch noch zwingend mit der gewählten Drucktechnik verzahnt sein muss, oder wie es der bereits zitierte Erich Bauer so treffend formuliert, dass "die künstlerische Gestaltung des Bildes mit der Technik eines bestimmten Druckverfahrens untrennbar verbunden ist".

Nachfolgend werden beispielhaft Digitale Künstlergrafiken vorgestellt, um die unverwechselbare Ästhetik und Eigentümlichkeit zu veranschaulichen.

Ästhetik und Eigentümlichkeit Digitaler Künstlergrafiken
Es ist ein Vorurteil zu behaupten, mit dem Werkzeug "Computer" erstellte Bilder seien kalt und hätten keine Seele. Dass dies nicht stimmt, können Sie anhand einiger eigener Arbeitsproben sehen. Die Auswahl erfolgte in Abhängigkeit der vorgestellten Techniken.

Computer-Mauszeichnung
Mit dem Werkzeug "Computermaus" wird die Zeichnung erstellt. Während mit der Hand die Maus bewegt wird, beobachtet der Zeichner simultan die grafische Umsetzung auf dem Bildschirm.
Das Auge kontrolliert das werdende/entstehende Bild auf dem Bildschirm, während die Hand die Maus führt. Dies geschieht so lange, bis der Zeichenprozess abgeschlossen ist.
Charakteristisch für das Zeichnen mit der Maus ist die Treppchenbildung in den Linien und an den Umrisslinien der Flächen (Abbildung 3) und die mitunter ungelenk, grob und unterbrochen wirkende Linienführung (Abbildung 10). Im Gegensatz zur Digitalstiftzeichnung (siehe nachfolgend) kann mit der Maus nicht so differenziert und genau gezeichnet werden.

Der besondere Reiz besteht oft auch darin, z.B. Teile der Zeichnung während des Zeichenprozesses zu entfernen, zu kopieren, zu invertieren oder gekennzeichnete Bereiche mit Farbe zu füllen. In Abbildung 1 sind die beschriebenen Methoden auch trotz der verkleinerten Reproduktion zu erkennen. Abbildung 2 ist die in der Bildgeschichte unmittelbar folgende Grafik. Hier wurde von Abbildung 1 ein Teil der Figur in das folgende Bild kopiert und anschließend mehrfach verdoppelt (mutiert). Diese Verfahrensweisen lassen sich ebenso auf die Digitalstift-Zeichnung und Computer-Malerei und ganz besonders auf die Digitale Montage anwenden.


Abbildung 1


Abbildung 2

Digitalstift-Zeichnung
Eine weitere manuelle digitale Zeichenmethode ist die Digitalstift-Zeichnung. Das Bild wird mittels eines speziellen Zeichenstiftes, welches über ein druckempfindliches Grafiktablett geführt wird, entwickelt. Auch hier wird der Zeichenprozess alleine vom Bildschirm aus gesteuert.
Im Unterschied zur Mauszeichnung können Striche und Liniengebilde präziser ausgeführt werden und Rundungen bzw. kreisähnliche Gebilde gelingen subtiler (siehe Abbildung 4).


Abbildung 4

Computer-Malerei
Mit Werkzeugen der Bildbearbeitungsprogramme wie z.B. Pinsel, Airbrush oder Wischer können sehr weiche malerische Flächen erzielt werden, die zusätzlich noch weiter modelliert oder durch Zufügung neuer Elemente kombiniert werden können. Die Arbeit in Abbildung 5 ist wesentlich nach dieser Methode entstanden.


Abbildung 5

Scanografie
Diese Technik wurde vor einigen Jahren von mir entwickelt. Als Eingabewerkzeug dient hier nicht die Computermaus oder der Digitalstift, sondern ein Flachbettscanner. Dabei werden verschiedene Teile, Objekte oder Grafiken auf Transparentpapier direkt auf der Glasplatte des Scanners montiert, dann eingescannt und als Datei abgespeichert. Von dieser Datei wird ein Papierabzug gefertigt und die Auflage kann gedruckt werden - falls das Ergebnis stimmig ist, - sonst wird die Montage korrigiert, eingescannt und gedruckt. Der Prozess wird so oft wiederholt, bis das Ergebnis des Abzugs mit der künstlerischen Intention übereinstimmt.
Als Beispiel hierfür wählte ich die Arbeit von Abbildung 6. Zum Einsatz kamen eine Plastikeinkaufstüte, mein Gesicht und meine Hände.

Das zweite Beispiel (Abbildung 7) zeigt eine Arbeit, die durch das sukzessive Übereinander- montieren von Tuschezeichnungen auf Transparentpapier entstanden ist. Am deutlichsten zeigt sich die Zeichnung des Blattes, welche unmittelbar auf der Scheibe des Scanners liegt, während die darüber liegenden Zeichnungen mit jeder neuen Ebene schwächer werden. Nach jedem Scanvorgang wird eine weitere Zeichnung hinzugefügt, anschließend eingescannt und als Datei abgespeichert. So entsteht ein Zyklus von Grafiken, deren Abfolge durch den Prozess des Einscannens festgelegt ist.


Abbildung 6


Abbildung 7

Digitale Montage
Als letztes Beispiel in der Schilderung der digitalen Gestaltungsmethoden möchte ich die Digitale Montage vorstellen. Um Montagen zu schaffen, benötigt man eine Computer-Software, welche sogenannte Ebenen verwalten und miteinander verknüpfen kann. So wie eine traditionelle Montage aus einzelnen Teilen zu einem Ganzen zusammengefügt wird, geschieht dies auch bei der Digitalen Montage - nur sind die einzelnen Teile immateriell, also keine Papier-, Fotoschnippsel oder sonstige Materialien, sondern kleine einzelne Grafiken, die, als Ebenen definiert, in die Grafik einmontiert werden. So ist die Grafik von Abbildung 8 aus 40 Teilen (= Ebenen) zusammengefügt. Das Beispiel Abbildung 9 ist nach dem gleichen Prinzip erstellt - anders als bei Abbildung 8 werden hier verschiedenartige Bildinformationen (Fotografien, Digitalstift-Zeichnungen, Reproduktionen von Zeichnungen) so miteinander verknüpft, dass eine nahezu dreidimensionale virtuelle Räumlichkeit entsteht. Die einzelnen Teilgrafiken (Ebenen) sind Bildzitate: Skulpturen von meinem Bruder, Zeichnungen von E.T.A. Hoffmann, ein Bühnenentwurf zu Hoffmanns Oper "Undine" von Friedrich Schinkel und Maus-Zeichnungen von meiner Hand.


Abbildung 8


Abbildung 9

Zusammenfassung
Die Digitale Künstlergrafik besitzt vielfältige Ausdrucksmöglichkeiten und weist durchaus eine eigene unverwechselbare Ästhetik auf. Wie an den vorgestellten Beispielen zu erkennen ist, können mit dem Werkzeug "Computer" erstellte Grafiken, Charme und Seele besitzen. Das hängt einzig vom Künstler und nicht von einer gestalterischen Technik ab.
Wie bei traditionell erstellten Grafiken ist Grundvoraussetzung für ein adäquates Gelingen Fleiß, Durchhaltevermögen, Experimentierfreude, Kreativität und Sensibilität im Umgang mit dem Medium.

Für die digitale Künstlergrafik, die in Auflage gedruckt wird - auch wenn die Auflagenhöhe nur ein Exemplar beträgt - gelten die gleichen tradierten Regeln wie bei herkömmlichen Drucktechniken:

- Sie ist ausschließlich für ein Ausgabemedium (in der Regel Papier) konzipiert
- Sofern es sich um eine limitierte Auflage handelt, sollten die Abzüge der Auflage im Format identisch sein
- Auf den Abzügen einer Auflage sollte Folgendes vermerkt sein:
a) Auflagenhöhe (falls es sich um eine begrenzte Auflage handelt)
b) Autorschaft bzw. Künstlersignatur
c) Jahresangabe
d) Falls das Blatt vom Künstler nicht selbst gedruckt wurde, sollte dies vermerkt sein.

Interesse und Vertrauen für dieses noch unverbrauchte Verfahren, das so viele neue ästhetische Reize in den Kanon der künstlerischen Drucktechniken mit einbringt, kann nur geweckt werden, wenn der Künstler in Vorleistung geht und den Rezipienten von der Integrität der Arbeit überzeugt.
Eine originell genuine Grafik ist Voraussetzung dafür, dass der Betrachter darauf aufmerksam wird. Und: das Wohlwollen, das der Betrachter dafür aufbringt, sollte nicht zunichte gemacht werden, dadurch, dass z.B. die Angaben auf der Grafik verwirrend, unvollständig sind oder gar gänzlich fehlen. Noch vor 200 Jahren war es selbstverständlich anzugeben, wer die Zeichnung entworfen, wer den Druckstock fertigte und wer die Auflage druckte.

Ob nun eine digitale Künstlergrafik eine Original-Grafik sein darf oder nicht, wird nichts daran ändern, dass sie im 21. Jahrhundert einen festen und wichtigen Platz in der zeitgenössischen Grafik einnehmen, unsere Wahrnehmung beeinflussen und traditionelle Drucktechniken herausfordern wird.


Angaben zu den Abbildungen

Abbildung 1 und 2
Kind Nr. 2, Künstlerbuch, 15-teilige Bildgeschichte, Computer-Mauszeichnung, Format 21 x 25 cm, Auflage 35 Exemplare, Laserdruck auf Hahnemühle Natural Line, Gestaltung und Druck Johannes Häfner, ICHverlag Häfner & Häfner 1997

Abbildung 3
Vergrößerung der Grafik Abbildung 1

Abbildung 4
Meister Floh Skizzen, Künstlerbuch, 27 Digitalstift-Zeichnung, Buchformat 21 x 26 cm, Auflage 26 Exemplare, Laserdruck auf Hahnemühle Natural Line, Gestaltung und Druck Johannes Häfner, ICHverlag Häfner & Häfner 2003

Abbildung 5
Röschen Variation 1.1, Künstlerbuch, Leporello, Computermalerei, Grafikformat 168 x 30 cm, Buchformat 20 x 38 cm, Auflage 6 Exemplare, Tintenfarbdruck auf Japankarton, Gestaltung und Druck Johannes Häfner, ICHverlag Häfner & Häfner 2002

Abbildung 6
Die Bergwerke zu Falun, Künstlerbuch mit der gleichnamigen Erzählung von E.T.A. Hoffmann und 12 Sconografien, Buchformat 30 x 40 cm, Auflage 26 Exemplare, Tintenfarbdruck auf Hahnemühle Natural Line, Gestaltung und Druck Johannes Häfner, ICHverlag Häfner & Häfner 2002

Abbildung 7
Brechts Totentanz Variation 1, Künstlerbuch, 15 Scanografien, Buchformat 21 x 30 cm, Auflage 26 Exemplare, Tintenfarbdruck auf Japankarton, Gestaltung und Druck Johannes Häfner, ICHverlag Häfner & Häfner 2005

Abbildung 8
Keine Zeile, 7-teiliges Mappenwerk unter Verwendung des gleichnamigen Gedichts von Ingo Cesaro, Papierformat 40 x 60 cm, Auflage 10 Exemplare, Tintenfarbdruck auf Hahnemühle Natural Line, im Buchdruck oberflächenveredelt, Gestaltung und Druck Johannes Häfner, ICHverlag Häfner & Häfner 2005

Abbildung 9
ETA-Bühne, Künstlerbuch mit einem Textausschnitt aus dem Märchen "Meister Floh" von E.T.A. Hoffmann und 12 Digitale Montagen, Buchformat 41 x 30 cm, Auflage 26 Exemplare, Tintenfarbdruck auf Japankarton, Gestaltung und Druck Johannes Häfner, ICHverlag Häfner & Häfner 2003

 


Anmerkung
1) Aus Walter Koschatzky: Die Kunst der Graphik, dtv


 

 

Abbildung 3