BROTHERS IN ART
GUIDO & JOHANNES HÄFNER
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Jörg Petzel
Doppelnaturen und Weltbürger

ICHverlag, ICH - ETA, hinter diesen sonderbar anmutenden Titeleien verbirgt sich der fränkische Maler, Grafiker, Komponist und Verleger Johannes Häfner, der seit über einem Jahrzehnt im eigenem ICH-Verlag (seit 1995 in Kooperation mit seinem Bruder Guido Häfner) zahlreiche Buchobjekte, Grafikserien und Skulpturen veröffentlicht hat.
Zu seinen künstlerischen Schwerpunkten gehört vorrangig der Universal-Künstler E.T.A.Hoffmann und dessen Dichtungen, Zeichnungen und Kompositionen, die Häfner als künstlerische Inspirationsquelle dienen. Nach einigen Bildergeschichten in Hoffmanns Manier publizierte Häfner 1998 den bibliophilen Handpressendruck Ich Johannes Kreisler, dem im gleichen Jahr der Band E.T.A. Hoffmann: Der Sandmann. Faksimile-Ausgabe als Gesamtkunstwerk folgte, der auch im Rahmen einer umfangreichen Häfner-Ausstellung der Stiftung Stadtmuseum Berlin, die Hoffmanns kostbare Sandmann-Handschrift aufbewahrt, einer größeren Öffentlichkeit vorgestellt wurde.
Johannes Häfner illustriert nicht, seiner Ansicht nach ist es Aufgabe der Kunst, imaginäre Räume neu zu schaffen, das Buch soll nicht nur dazu dienen, Kunstwerke der Grafik, Malerei oder Dichtung darzustellen, sondern vielmehr selbst Kunstwerk sein.

Daher bevorzugt Häfner Bücher in geringer Auflagenhöhe, Bücher als Medium der künstlerischen Aussage und Vision.
Zu seinem künstlerischem Werkzeug gehört auch der Computer, dessen vielfältige Möglichkeiten Johannes Häfner kreativ in Bildergeschichten umsetzt, die er mit der Computermaus zeichnet und teilweise permutiert, kopiert, beschneidet oder invertiert. Dieses moderne Verfahren kombiniert er mit traditionellem Handsatz und Handpressendruck; so entsteht eine Synthese zwischen neuartig Ungewohntem und Tradiertem, die sich zwischen zwei Buchdeckeln vor dem Rezipienten entfaltet.

Das aktuelle Projekt der Gebrüder Häfner - Meister Floh - ein multimedialer Weltenbürger - entsteht seit 1999 in kontinuierlicher Kooperation. Projektiert sind insgesamt 20 Bücher und zahlreiche Skulpturen, und wie der Titel schon suggeriert, werden diverse moderne Medien unserer digitalen Gegenwart für die künstlerische Darstellung genutzt und miteinander verknüpft.

Die folgenden Komponenten grundieren dieses vielfältige, sorgfältig aufeinander abgestimmte Gesamtkunstwerk:
Die bildende Kunst in Form von Skulpturen, Künstler-Unikat-Büchern und Acrylbildern;
die Dichtung durch Textauszüge des Meister Floh sowie die Literaturwissenschaft durch eine Textdeutung- und -erschließung in Essayform. Das erstmals in Buchform präsentierte vollständige Faksimile von E.T.A. Hoffmanns Handschriften-Fragment des Meister Floh dagegen stellt die eigentliche Illustration dar. Damit setzt Johannes Häfner seine Auseinandersetzung mit E.T.A. Hoffmanns Original-Handschriften fort, die 1998 mit Der Sandmann - Faksimileausgabe als Gesamtkunstwerk begann. Die Überlieferungsgeschichte von Hoffmanns Meister-Floh-Handschrift trägt auch ironische Züge; im Gegensatz zum verlorenen Manuskript haben sich nur die durch die preußische Zensur herausgetrennten satirischen Knarrpanti-Passagen erhalten, die bis heute im Geheimen Staatsarchiv in Berlin aufbewahrt werden. Man mag es Realsatire nennen, daß ausgerechnet die Textteile erhalten blieben, welche die preußische Staatszensur den Lesern des Meister Floh bis zum Jahr 1906 glaubte vorenthalten zu müssen. Hoffmann selbst erklärte seinen Meister Floh als "phantastische Geburt eines humoristischen Schriftstellers".

Die intensive Arbeit mit Hoffmanns Märchen vom Meister Floh inspirierte Johannes Häfner zu eigenen Bilderzyklen, deren phantastische Welthaltigkeit durchaus eine Rückkoppelung zu E.T.A. Hoffmanns Originaltext erlaubt, dessen Beginn ja deutlich signalisiert, daß dieses Märchen in der neuen Zeit und damit in Hoffmanns Gegenwart spielt.
Das vorgegebene literarische Thema und die poetische Tektonik als auch Hoffmanns mit Brüchen durchsetzter Erzählstil bleiben in Häfners bildkünstlerischer Umsetzung weitgehend erhalten oder sind zumindest auf einer anderen Ebene noch erkennbar. Hoffmanns Figuren-Arsenal im Meister Floh transformieren die Gebrüder Häfner in feste, wieder erkennbare Charakter-Piktogramme und Skulpturen; es gibt keine Illustrationen mit emotionalen Figuren. Durch raffinierte Überschichtungen mit dem Computer strahlen diese Stereotypen eine wandlungsfähige Aura aus; sie wecken mit ihrer prononcierten Farbigkeit und ihren infantilen Formen Assoziationen zu Kinderzeichnungen. Diese, vor allem durch die Skulpturen, provozierte heitere, aber auch infantile Stimmung dominiert auch das erste Abenteuer in Hoffmanns Meister Floh. Häfners kleinere Skulpturen aus dem Meister Floh-Personal korrespondieren mit der Bedeutung des Spielzeugs im Märchen Hoffmanns, der ja selbst ein bekennender Liebhaber von Puppen und Marionetten war.

Die Stereotypen der Gebrüder Häfner, analog zu Hoffmanns Präexistenzen und Doppelnaturen, tragen folgende Charakterprägungen: Peregrinus Tyß, der Held des Märchens, ist leicht infantil und realitätsfremd, seine Haushälterin Aline dagegen trotzig. Peregrinus Freund George Pepusch alias Distel Zeherit verkörpert Überempfindlichkeit, hingegen zeigt der Genius Thetel prahlerische Züge. Röschen vertritt den naiv-kindlichen Charakter, der sie zur idealen Braut des ähnlich strukturierten Peregrinus vorher bestimmt. Das radikale Gegenteil Röschens verkörpert dagegen die unstete und untreue Dörtje Elverdink alias Prinzessin Gamaheh. Figuren, die Gebrüder Häfner in variablen Konstellationen ins jetzige Leben treten lassen, analog den beiden längst verstorbenen Wissenschaftlern Swammerdamm und Leuwenhoeck, die zwar von Hoffmann als handelnde Märchenpersonen reanimiert wurden, aber nur tote Wissenschaft lehren und daher von Guido und Johannes Häfner auf eine gemeinsame Figur reduziert werden. Die Titelfigur, der Meister Floh, fehlt im Häfnerschen Figurenarsenal. Der Floh ist der einzige, dessen Körper sich nicht verwandelt; außer für Peregrinus Tyß bleibt er für die handelnden Personen unsichtbar, was die bildnerische Umsetzung erschwert, wenn nicht ganz unmöglich macht. Daher fehlt in den ausgestellten Exponaten eine Darstellung des Meister Floh, was Leser und Betrachter ja nicht hindert, sich Hoffmanns eigene Umschlagzeichnung des Flohs anzuschauen. Man vermisst auch den Hofrat Knarrpanti, obwohl diese scheinbare Randfigur Hoffmanns Handschriften-Fragment dominiert und deren historisches Vorbild, der preußische Polizeiminister von Kamptz für die Entstehungs- und Druckgeschichte eine unheilvolle Rolle spielte.

Die Gebrüder Häfner bearbeiten dasselbe Thema mit unterschiedlichen künstlerischen Mitteln. Während Johannes Häfner imaginäre Räume kreiert, bevorzugt Guido Häfner und riesige Holz- und Stahl-Skulpturen, die haptisch erfahrbar bleiben; seine Skulpturen versuchen den imaginären Zustand zu erreichen. Doch auch die von Johannes Häfner gestalteten bibliophilen Bücher mit ihren aufwändigen Umschlägen und meterlangen Leporellos versprechen ein haptisches Vergnügen. Nimmt der geneigte Betrachter und Leser einen Band aus der mehrteiligen Meister Floh-Serie nur in die Hände, so bleiben seine Augen noch vor dem Aufblättern auf dem raffiniert gestalteten Umschlag haften. Als Beispiel sei hier der Band 4 Meister Floh Sediment gewählt, auf dessen Umschlag der zweifarbige Titel prangt, unter dem aber eine kopierte Buchdruckseite mit einem Textausschnitt aus Hoffmanns Meister Floh als eine Art Substrat durchscheint. Das Titelblatt ähnelt diesem Umschlag, und danach folgen ebenfalls kopierte Buchseiten, die aber von Johannes Häfner in seiner eigenen Handschrift derart überschrieben sind, dass die ausgewählten Textpassagen sowohl in gedruckter als auch in der handschriftlichen Fassung Häfners gelesen werden können. Klappt man diese Einzelseiten jedoch nach oben, taucht der Betrachter in die farbenprächtige und phantastische Welt des Meister Floh ein, umgarnt von ihren Bewohnern Peregrinus Tyß, Prinzessin Gamaheh oder die Distel Zeherit.

Die Künstler Guido und Johannes Häfner wirken in ihren Arbeiten als Abenteurer, die sich einem bereits vorhandenen Text anverwandeln und mit dem dadurch neu entstandenen Kunstwerken die Betrachter und Leser an ihren Abenteuern in imaginären Räumen sinnlich und emotional teilnehmen lassen.


 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 

 

 

 

 

 

Jörg Petzel